Completer: Das Bündner Unikat

In der Welt der Schweizer Weine gibt es Rebsorten, die fast in Vergessenheit geraten wären und heute ein spektakuläres Comeback feiern. Eine der faszinierendsten und rarsten ist der Completer. Diese alte, autochthone Rebsorte aus Graubünden erlebt derzeit eine Renaissance, die von Weinkennern, Sommeliers und Sammlern gleichermaßen gefeiert wird. Ihre Geschichte ist so einzigartig wie ihr Geschmacksprofil, und sie steht exemplarisch für das reiche weinbauliche Erbe der Schweiz.
Ein historisches Erbe aus Malans
Der Name Completer leitet sich vom lateinischen Completorium ab, dem Nachtgebet der Benediktinermönche. Historische Quellen berichten, dass die Mönche des Domkapitels Chur nach dem letzten Gebet des Tages einen Schluck dieses stärkenden Weines zu sich nahmen – in absoluter Stille. Die Sorte ist seit dem 14. Jahrhundert in der Bündner Herrschaft, insbesondere in Malans, nachgewiesen. Moderne DNA-Analysen haben gezeigt, dass der Completer eine der ältesten Rebsorten Europas ist und wahrscheinlich sogar eine Elternsorte vieler anderer alpiner Trauben darstellt. Er ist ein echtes Urgestein der Schweizer Weingeschichte.
Anspruchsvoll und eigenwillig im Anbau
Dass der Completer fast ausgestorben wäre, hat triftige Gründe. Die Rebe ist im Anbau äusserst anspruchsvoll und verlangt dem Winzer alles ab. Sie treibt spät aus und reift sehr spät, was in den alpinen Tälern Graubündens ein Risiko darstellt. Die Erträge sind oft unregelmässig, und die Sorte ist anfällig für Fäulnis, wenn der Herbst zu feucht ausfällt. Nur an den allerbesten, sonnigsten Lagen kann der Completer seine volle physiologische Reife erreichen. Für Winzer, die auf Menge setzten, war die Sorte lange wirtschaftlich uninteressant.
Ein unverwechselbares Geschmacksprofil
Was den Completer so besonders macht, ist seine extreme Säurestruktur gepaart mit einem hohen Extraktgehalt. In der Jugend kann der Wein fast aggressiv säurebetont wirken, ähnlich einem jungen Riesling. Doch genau diese Säure ist das Rückgrat, das dem Completer ein fast unendliches Lagerpotenzial verleiht. Aromatisch erinnert er an Quitten, reife Äpfel, Bergkräuter und manchmal an Bienenwachs und Honig, ohne dabei süss zu sein. Am Gaumen zeigt er eine ölige Textur und eine Kraft, die beeindruckt. Viele Winzer bauen ihn heute im grossen Holzfass aus, um die Säure etwas zu puffern.
Rarität und Kultstatus
Heute ist die Anbaufläche des Completer immer noch winzig, aber sie wächst langsam wieder an. Die Weine sind gesuchte Raritäten und oft schnell ausverkauft. Weingüter in der Bündner Herrschaft und vereinzelt im Zürichsee-Gebiet pflegen die Sorte mit Hingabe. Eine Flasche Completer ist kein Wein für den schnellen Durst, sondern ein Wein für die Meditation und für anspruchsvolle Speisenbegleitung. Er passt hervorragend zu kräftigem Alpkäse oder Bündner Trockenfleisch.
Warum Sie Completer probieren müssen
Wer Schweizer Wein wirklich verstehen will, kommt am Completer nicht vorbei. Er ist der Beweis dafür, dass die Schweiz eigenständige, charakterstarke Weine hervorbringt, die nirgendwo anders auf der Welt kopiert werden können. Wenn Sie das Glück haben, eine Flasche zu ergattern, geben Sie ihr Zeit. Dekantieren Sie den Wein oder lagern Sie ihn noch einige Jahre. Das Erlebnis, einen gereiften Completer zu trinken, ist eine Reise in die Vergangenheit.
Diesen Artikel zitieren (Quellenangabe):
Bovez, Thierry (2026). Completer: Das Bündner Unikat. Schweizer Weine. Abgerufen am 21.07.2026, von https://www.schweizer-weine.net/blogs/weinblog/completer-das-bundner-unikat

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